Titanic-Verein Schweiz

www.titanicverein.ch

Artikel des Tages – Teil 8

27.03.2020

(Publiziert in der Titanic Post 54, Dezember 2005)

«Er war und wird immer mein Held bleiben»
Margaret Howman, geb. Rostron 12. Januar 1915 – 10. Juli 2005

von Christian Müller

Wie in TiPo Nr. 53 zu lesen war, starb im Juli TVS-Ehrenmitglied Margaret Howman in Truro/Cornwall. Mit ihr starb nicht nur die Tochter, sondern auch der grösste Bewunderer von Sir Arthur Henry Rostron, dem Kapitän der Carpathia vom 15. April 1912.

Eine Art Lebenslauf
Margaret Howman wird am 12. Januar 1915 in Liverpool als viertes Kind von Arthur und Ethel Rostron geboren. Sie geht dort auf die Merchant Taylor’s Girls School und verlebt mit ihren drei älteren Brüdern eine sehr glückliche Kindheit.
Der Vater ist beruflich bedingt sehr selten zu Hause, und Margaret hat deshalb nicht so viel von ihm, wie sie es sich wünscht. Es kommt jedoch eine Zeit, wo ihre Mutter und die Kinder den Vater auf einigen seiner Fahrten begleiten dürfen und sie als Tochter des Kapitäns die für sie neue Welt erkundet. Eine weisse Perserkatze auf der Mauretania in der Kajüte ihres Vaters vorzufinden überrascht sie derart, dass es ihr ein Leben lang in Erinnerung bleibt.

Die Rostrons ziehen nach Southampton/West End in ein wunderschönes Haus in Chalk Hill. Hier entwickelt sich Margarets Liebe zu Gärten und zur Malerei von Naturbildern. Diese Hobbys nehmen der inzwischen jungen Frau jedoch nicht die Zeit auszugehen, und sie lernt ihren späteren Ehemann John Howman kennen. Die Hochzeit findet 1936 statt, und zwei Jahre später erblickt Töchterchen Jackie das Licht der Welt.

Mit einem British Air Force Testpiloten verheiratet zu sein bedeutet für die junge Familie zwangsläufig häufige Versetzungen und Umzüge, ein Nomadenleben, wie sie später sagt.

Vater Arthur ist zwischenzeitlich im verdienten Ruhestand, jedoch auch in dieser Zeit lokalpolitisch sehr aktiv. Als Präsident der Britischen Legion in Hampshire wird er häufig gebeten, Zeremonien unterschiedlichster Art abzuhalten, Veranstaltungen zu eröffnen oder Gottesdienste zu lesen.
Wann immer möglich trifft sich die Familie und geniesst die sonst spärliche Zeit zusammen. Bei einem dieser Besuche wird Southampton von der deutschen Luftwaffe angegriffen, und alle begeben sich in den eigens im Garten gebauten Bunker. Es ist typisch für ihren Vater, dass er darauf besteht, den zugigen Schlafplatz neben dem Bunkereingang selbst zu belegen, um die Frauen und das Kind zu schützen. Später meint sie, dass dies wohl die Ursache für eine Lungenentzündung war.

Bei einem Besuch ihrer Eltern kurz darauf im neuen Heim in Yanterbury wird Arthur Rostron plötzlich krank und stirbt ein paar Tage später im dortigen Krankenhaus. Dieses traumatische Erlebnis entwickelt sich für Margaret zur schlimmsten Zeit ihres Lebens.

Sohn Michael kommt 1941, ein Jahr später, zur Welt; 1942 folgt Tochter Jill. Mit drei Kindern hat Margaret als Hausfrau und Mutter nun sehr viel zu tun – sie kommt in dieser Zeit nur noch selten zum Malen. Den Kleinen prägt sich das Klavierspiel ihrer Mutter ein. Oft spielt sie «The Moonlight Sonata», um das Zubettgehen und Einschlafen zu vereinfachen.

Das Schicksal schlägt wieder zu, als Ethel Minnie Rostron im Juli 1943 stirbt. Über den Tod ihres geliebten Mannes nie hinweggekommen, zollt zusätzlich ein langjährig schlechter Gesundheitszustand seinen Tribut.

1947 kommt mit Söhnchen Roger das vierte der Howman-Kinder zur Welt, und es folgt eine glückliche Familienzeit. Die Kinder werden älter, gehen zur Schule und beginnen bald auf eigenen Beinen zu stehen.

Zwischenzeitlich nach Bristol umgezogen geht John Howman zu Beginn der 80er Jahre in den Ruhestand. Viel gemeinsame Zeit ist ihm mit seiner Frau aber leider nicht vergönnt. Er stirbt im Jahre 1993. Margaret ist nun alleine und findet Trost in ihrer Familie und ihren Hobbys.

Der Titanic-Boom ab 1996 wirkt sich auch auf ihr Leben aus. Interessiert sieht sie sich den Cameron-Film an, findet es aber schade, dass die Rolle ihres Vaters nicht ausreichend berücksichtigt wird. Dies ändert aber nichts daran, dass sie nun häufig zu Signierstunden eingeladen wird und viel Post erhält, die sie auch gerne beantwortet.

Leider verschlechtert sich auch ihr Gesundheitszustand. Nach wiederholt kardialen Problemen zieht sie im Juli 2002 von Bristol nach Truro in ein Altenheim, um dort besser umsorgt, und der Familie ihrer Tochter näher zu sein. Durch weitere Angina-pectoris-Anfälle wird ihre Herztätigkeit insuffizienter und versagt am Sonntag, den 10. Juli 2005.

Margaret Howman erinnerte sich immer mit viel Liebe, Herzlichkeit und Dankbarkeit an ihren Vater, und es erfüllte sie mit grossem Stolz, «dass sich nach so vielen Jahren Menschen an ihn erinnern.»

Gerne gab sie Auskünfte, schrieb Briefe und beantwortete Fragen soweit es ihr möglich war. Arthur Rostron sprach selten über die Nacht im Jahre 1912. «Nur einmal wurde die grosse Schachtel mit Medaillen und Orden herausgeholt um sie Bekannten zu zeigen», erzählte sie.

Bei meinem Besuch in Bristol schauten wir unter anderem alte Familienfotoalben an, was für mich keine Selbstverständlichkeit war, denn abgesehen vom Briefverkehr war ich doch ein Fremder.

Ihre auffallend freundliche und offene Art war eine Eigenschaft, die sie mir als eine von Ihrem Vater geerbte nannte. «Freundlich und fair im Umgang mit anderen Menschen.» Dieser Charakterzug Margaret Howmans ist auch in Sir Rostrons Biographie «Home From The Sea» ersichtlich, für welche sie sich immer in einer Neuauflage erhofft hatte.
Sicher ist zumindest, dass ein anderer ihrer Wünsche erfüllt wird, nämlich, dass sich auch in Zukunft Menschen an sie und ihren Vater erinnern werden.

Zu den Bildern:

Margaret Howman liest 1994 in Buch «Home from the Sea» ihres Vaters, dieses Exemplar widmete er seiner Frau. (Bä)

Für Margaret Howman eines der schönsten Bilder ihres Vaters. (Sammlung Bä)

Eines der letzten Fotos von Margaret Howmans Eltern. (Sammlung bä)

Auf die Rückseite von obigem Foto schreibt Margaret Howman: «Sir Rostron & Lady Rostron. Meine Mutter und mein Vater auf dem Weg nach New York.» (Sammlung bä)

(Ende)

zurück zur Übersichtseite