Titanic-Verein Schweiz

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Artikel des Tages – Teil 7

26.03.2020

(Publiziert in der Titanic Post 49, September 2004)

«Made in Hongkong» – Das Titanic-Presse-Echo im Fernen Osten

von Brigitte Saar

hongkongarchiv

Brigitte Saar und Günter Bäbler suchten in Hongkong nach Titanic-Spuren. (bs)

Als die Titanic in den frühen Morgenstunden des 15. Aprils 1912 für immer in den Tiefen des Ozeans versank, war die Aufregung diesseits und jenseits des Atlantiks gross. Wochenlang machten Geschichten rund um Passagiere, Schicksale und Folgen der Katastrophe Schlagzeilen – meist auf der Titelseite der Zeitungen. Doch wie sah die Reaktion auf die Tragödie weit entfernt auf der anderen Seite des Globus aus? Dort, wo die prominenten Namen der Erste-Klasse-Passagiere oft nur entferntes Hören-Sagen waren, wo keiner direkt betroffen schien? Ein Besuch im Nationalen Chinesischen Zeitungsarchiv in Hongkong brachte einige interessante Erkenntnisse. Natürlich konnten Günter Bäbler und ich nur die englisch­sprachigen Zeitungen auswerten – wohl auch deswegen war in den Artikeln nur wenig über die Handvoll Chinesen an Bord der Titanic zu finden – und dabei hatten wir eigentlich gehofft, mehr über deren Herkunft zu erfahren. Doch die britischen Kolonialherren schienen wenig Interesse am Schicksal einiger weniger chinesischer Seeleute zu haben – entbehrliches «gelbes» Arbeitervolk in ihren Augen. Nichtsdestotrotz war die Lektüre der South China Morning Post und der Hongkong Daily Press in anderen Bereichen aufschlussreich.

Obwohl Hongkong auch 1912 schon ein wichtiger Hafen und Handelsposten war, tröpfelten die Nachrichten vom Untergang des grössten Dampfers der Welt nur langsam und spärlich dorthin durch. Während in Amerika und Europa dank der Marconi-Funktechnik erste Meldungen vom Zusammenstoss mit dem Eisberg nur mit wenig Verzögerung den Zeitungspressen zugeführt wurden, dauerte es (auch wegen der Zeitverschiebung) bis zum 16. April, bis erste Infos in den dortigen Redaktionen eintrafen. Die South China Morning Post (SCMP) meldete an diesem Tag in der Rubrik «Telegramme» vorsichtig erste Gerüchte. Reuthers in New York habe vermeldet, dass die Titanic einen Funkspruch abgesetzt habe, in dem von einer Kollision mit einem Eisberg die Rede sei, und das Schiff habe um Hilfe angesucht. Die letzte Information, die man bei Druckschluss erhalten habe – ebenfalls von Reuthers und empfangen von der Funkstation auf Cape Race -, sei, dass das Schiff mit dem Bug voran sinke und man die Frauen in die Boote gebracht habe. Und auch die Uhrzeit der Kollision wisse man jetzt: 10 Uhr 25. Mehr erfahren die englisch­spra­chigen Zeitungsleser in Hongkong an diesem Tag nicht über das unrühmliche Ende der Titanic.

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In der Ausgabe vom 16. April 1912 be­richtete die South China Mor­ning Post schwammig von der Kollision mit dem Eisberg. (Hong Kong Public Record Office)

Erst tags drauf, am 17. April, wird das Ausmass der Tragödie publik. Die SCMP vermeldet jetzt endlich den definitiven Untergang samt Schätzung der Toten/Überlebenden: von mehr als 2.200 Menschen an Bord seien nur 675 durch die Carpathia gerettet worden. Meldungen aus Montreal, das Schiff sei nicht untergegangen und bewege sich nun als Halifax zu, mit «Frauen und Kindern noch an Bord, die Rettungsboote aber in Bereitschaft ausgeschwenkt», werden zwar erwähnt, doch Reuthers Version vom Untergang wird als glaubwürdigere Variante gewertet. Demnach sei das Schiff um 2.20 Uhr morgens gesunken, und erste Berichte, es habe keine Toten gegeben, müssten nun korrigiert werden: Die Anzahl der Opfer sei sogar «sehr hoch». Während in den USA und England die Zeitungen eine Sensationsmeldung nach der nächsten platzieren, Einzelschicksale beleuchten und reisserisch Kapital aus der Schiffskatastrophe schlugen, war die SCMP mehr als zurückhaltend. Ob der Grund dafür Informationsmangel war oder man den Lesern in Hongkong pauschal Desinteresse an der Thematik unterstellte, kann natürlich nicht mehr ermittelt werden. Doch es scheint, als sei die Titanic dort zum Zeitpunkt des Untergangs kein stehender Begriff gewesen, denn am 18. April folgte in der genannten Zeitung ein langer Artikel, in dem das Schiff und seine luxuriösesten Features erst einmal ausführlich beschrieben wurden. Wäre da nicht das Wissen um das brutale Ende des Schiffes, man könnte fast meinen, einen Werbetext der White Star Line zu lesen. Die Rede ist von der «unübertroffenen Küche», der sensationellen Länge des Schiffs (grösser als das Woolworth Building in New York, der Kölner Dom oder die grosse Pyramide zu Gizeh!), von geschnitzten Balustraden und schmiedeeisernen Gittern unübertroffener Schönheit, vom Schreibzimmer, in dem sich besonders die Damen wie zu Hause fühlen durften, so elegant sei es (gewesen), und vieles mehr. Mit heutigem Blickwinkel hinterlässt der Artikel einen bitteren, geradezu zynischen Nachgeschmack – doch vielleicht wollten die Herausgeber dem geneigten, aber grossenteils unwissenden Leser im asiatischen Raum einfach nur veranschaulichen, was für ein Schiff da eigentlich gesunken war – eins der Superlative nämlich.

Erst rund eine Woche nach dem Untergang schien man im fernen Osten genug eigene Recherchen angestellt zu haben, um die Agenturmeldungen aus New York mit chinesischem Fokus anreichern zu können – aber auch hier nur in Form kleiner Randnotizen. Die Hongkong Daily Press (HDP) erwähnt am 23. April in einem insgesamt sechsspaltigen Artikel in gerade mal 9 Zeilen das Schicksal der Chinesen an Bord.

«Sechs Chinesen, die sich unter den Sitzbänken der Rettungsboote der Titanic versteckt haben, sind unter den Überlebenden. Sie wurden erst entdeckt, als die Boote an Bord der Carpathia genommen wurden. Zwei weitere Gefährten, die sich ebenfalls versteckt hatten, wurden vom Gewicht anderer Passagiere, die auf ihnen sassen, erdrückt.»

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Die asiatischen Passagiere waren der HDP nur neun Zeilen wert. (Hong Kong Public Record Office)

Weder die Namen noch die Herkunft der angeblichen chinesischen Überlebenden werden erwähnt, und wir haben auch keine Folgeartikel gefunden, in dem ihr Schicksal weiter verfolgt worden wäre – die ganze Episode war anscheinend nicht mehr als eine kuriose lokale Koloratur der Katastrophe.

Interessanter schien da schon der Verbleib des philippinischen Generalgouverneurs Ford, der sich Gerüchten zufolge an Bord der Titanic befunden haben sollte. In der Ausgabe vom 9. Mai 1912 meldet die SCMP, dass seine Exzellenz entgegen eigener Wünsche nicht an Bord der Titanic war (zumindest dieser Mann hatte also schon einmal von der Titanic gehört). Seine Reise hatte ihn von Manila nach Norden geführt, über Sibirien Richtung England, in der Hoffnung, bis zum Ablegen der Titanic – «dem grössten Schiff, dass die Welt hervorgebracht hat und der Stolz der englischen Schiffsbauer», in Southampton zu sein. «Es war ihm nicht vergönnt, und so musste seine Exzellenz mit einem weniger prestigereichen Schiff vorliebnehmen, einem Umstand, dem er ohne Zweifel sein Leben verdankt.»

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Glück gehabt! General Forbes von den Philippinen sollte erst mit der Titanic fahren, schaffte es aber nicht rechtzeitig zum Schiff. (Hong Kong Public Record Office)

Ähnliche Aufmerksamkeit wurde einem Reisenden zuteil, dem man Verbindungen zu einem angeblichen Titanic-Opfer andichtete. Mr. Alfred Burbank, der nach einem Aufenthalt auf den Philippinen in der britischen Kolonie Zwischenstopp machte, wurde zum Interview gebeten. In den Berichten über die Titanic sei von einem gewissen Mr. Burbank aus Kalifornien die Rede – könnte es sich dabei eventuell um seinen Bruder Luther handeln? Alfred verneinte dies artig, ihm sein nicht bekannt, dass sein Bruder auf Überfahrt gehen wollte. Er schickte daraufhin in mittelschwerer Aufregung ein Telegramm in Richtung Heimat, und bekam erleichternde Antwort: Mr. Luther Burbank war nicht an Bord der Titanic – die Presse war einem Schreibfehler aufgesessen. Der vermeintliche Verwandte hiess nämlich gar nicht Burbank, son­dern Borebank. Die erfreulichen Nachrichten erreichten Alfred allerdings nicht mehr in Hongkong, sondern auf halber Strecke nach Shanghai an Bord der Manchuria.

Viel mehr Aufmerksamkeit widmete die Hongkonger Presse den Spenden, die nach dem Untergang für die Überlebenden und Angehörigen der Opfer eingingen – Summen und grosszügige Geber wurden präzise erfasst und publiziert: König George, 500 Guineas; Königin Mary, 200 Guineas; Königin Alexandra, 200 Pfund; Edward Grenfell, 1.500 Pfund usw. Spenden aus Toronto (5.000 Dollar) fanden ebenso Erwähnung wie die 1.151 Pfund, die vom Daily Telegraph in London zusammengetragen wurden. Bei einer Aufführung von «The Marriage of Kitty» im Shanghai Lyceum Theatre in China kamen 1.072,30 Dollar zusammen, was rund 109 Pfund entsprach. Penibel wurde aufgerechnet, wie sich die Summe zusammensetzte: 977 Dollar aus den Eintrittsgeldern, 49,55 Dollar aus den Umsätzen an der Bar sowie 45,75 Dollar aus dem Verkauf von Programmheften. Ein Maskenball in Shanghai brachte weitere 400 Dollar.

Natürlich gab es auch in Hongkong selbst eine Benefizveranstaltung für die Titanic-Geschädigten. Am 26. April veröffentlichte die SCMP eine Anzeige für eine Veranstaltung im örtlichen Victoria Theatre. Angekündigt wurde ein «Monsterprogramm» am selben Abend, mit Eintrittspreisen zwischen einem und drei Dollar – aus gegebenem Anlass habe man auch dafür gesorgt, dass die Tram und die Fähren spät abends noch verkehren (so sieht vorbildlicher öffentlicher Nahverkehr aus!). Tags drauf berichtet die HDP, dass die Veranstaltung, für die von den Herren Ramos & Ramos in der Werbetrommel gerührt worden war, mehr als gut besucht war. Unter der Schirmherrschaft örtlicher Prominenter, darunter der Amerikanische Generalkonsul und Generalmajor C.A. Anderson, sei ein eingängiges, gefälliges Programm zusammengestellt worden. Aufgeführt wurden Sketche (Highlight: Der Auftritt der Quealys in «Fun in the Kitchen»), ein Violinen-Solo von Mr. F. Gonzales, mehrere Kurzfilme (darunter «After 50 years», «Two brave little heards» und «Love, Luck and Gasoline») und das Lied «Nearer my god to thee», vorgetragen von der Pacific Mail Band aus der Mandschurei und der K.O.Y.L.I. Band, einer Militär-Kapelle. Weitere Programmpunkte: Ein Comedy-Boxkampf und als Abschluss des Abends die britische und die amerikanische Nationalhymne. 615 Dollar kamen insgesamt zusammen (alle Beteiligten hatten auf Gagen oder sonstige Bezahlung verzichtet), wobei der Hongkong Telegraph am 27. April leicht irritiert vermeldete, dass wohl doch nicht alle Karten verkauft wurden und entsprechend noch Plätze frei waren.

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Mit dieser Anzeige wurde für eine Be­nefizveranstaltung in Hongkong ge­worben, deren Erlös den Titanic Opfern zugutekam. (Hong Kong Public Record Office)

Welche Schlüsse sind also aus diesen Zeitungsmeldungen aus dem Raum Hongkong zu ziehen? Die Titanic-Katastrophe war auch hier, Tausende Meilen von der eigentlichen Unglücksstelle, präsent. Die Reaktionen waren allerdings – verständlicherweise – um einiges moderater als in den «betroffenen» Ländern wie England oder Amerika. Und trotzdem war auch im fernen Asien Mitgefühl und Anteilnahme zu spüren für die Opfer und ihre Angehörigen – ein tröstliches Gefühl.

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Am 14. Mai 1912 meldete die Hong Kong Daily Press noch, das nächste White Star-Riesenschiff solle Gi­gan­tic heissen. (Hong Kong Public Record Office)

Zu den Bildern:

Brigitte Saar und Günter Bäbler suchten in Hongkong nach Titanic-Spuren. (bs)

Die asiatischen Passagiere waren der HDP nur neun Zeilen wert. (Hong Kong Public Record Office)

In der Ausgabe vom 16. April 1912 be­richtete die South China Mor­ning Post schwammig von der Kollision mit dem Eisberg. (Hong Kong Public Record Office)

Glück gehabt! General Forbes von den Philippinen sollte erst mit der Titanic fahren, schaffte es aber nicht rechtzeitig zum Schiff. (Hong Kong Public Record Office)

Mit dieser Anzeige wurde für eine Be­nefizveranstaltung in Hongkong ge­worben, deren Erlös den Titanic Opfern zugutekam. (Hong Kong Public Record Office)

Am 14. Mai 1912 meldete die Hong Kong Daily Press noch, das nächste White Star-Riesenschiff solle Gi­gan­tic heissen. (Hong Kong Public Record Office)

 

(Ende)

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