Titanic-Verein Schweiz

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Artikel des Tages – Teil 6

25.03.2020

(Publiziert in der Titanic Post 80, Juni 2012, überarbeitet im März 2020)

Aus dem Titanic-Giftschrank

von Günter Bäbler

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Bei Recherchen für das Buch „Reise auf der Titanic“ vor rund 25 Jahren stiess ich in Zeitungen auf einen mir unbekannten Fall. In Neuenburg sammelte im Mai 1912 laut Zeitungsberichten ein Engländer Namens Lucien Smith (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Titanic-Opfer) im Auftrag des britischen Konsulats in Basel Geld für die Titanic-Überlebenden aus der Schweiz. Er ging zur Redaktion der Lokalzeitung „Feuille d’Avis de Neuchâtel“ und bat darum, die Namen der Spender mit den jeweiligen Beträgen zu veröffentlichen.

Auf Anfrage der Zeitung beim Konsulat in Basel wurde bekannt, dass Lucien Smith keinen Sammelauftrag hatte. Darauf wurde die Polizei eingeschaltet und am Abend des 10. Mai 1912 wurde Smith am Bahnhof verhaftet, als er den Zug nach La Chaux-de-Fonds besteigen wollte – er wollte mit seiner Sammelaktion weitere Städte besuchen. Er trug bei der Verhaftung einen mit sechs Patronen geladenen Revolver auf sich und 200 Franken an Spendengelder.

Natürlich wollte ich mehr über die Geschichte erfahren und kontaktierte die Stadt- und Kantonspolizei von Neuenburg. Nach langem Suchen fand man dort tatsächlich noch die Karteikarte mit zwei Fotos von Lucien Smith, der in Wirklichkeit Gustave Alphonse Colombe De Cloedt hiess. Er war Bahnarbeiter und am 20. Juli 1886 in Antwerpen, Belgien geboren. Neben Lucien Smith nannte er sich auch Hans Wertel und Jean Verbeight.

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Am 12. Juni 1912 wurde sein Fall von Strafgericht in Neuenburg behandelt und De Cloedt wurde unter Anrechnung der Untersuchungshaft zu weiteren 75 Tagen Gefängnis, 10 Franken Busse sowie der Übernahme der Verfahrenskosten verurteilt.

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Von der Polizei in Neuenburg erhielt ich eine schöne Kopie der Karteikarte. Natürlich fragte ich gleich nach, ob ich diese veröffentlichen dürfe. Darauf erhielt ich einen Brief vom Polizeikommandanten, der mir verbot das Dokument in irgendeiner Form zu veröffentlichen. Damals war ich gerade 20 Jahre alt und ein „nein“ wollte ich nicht gelten lassen. Also schrieb ich erneut, mit der Bitte, doch eine Ausnahme zu machen. Seine Antwort hätte nicht deutlicher sein können – mir war klar, dass ich diese Karteikarte nie verwenden darf, vermutlich hatte sie mir ein Sachbearbeiter ohne die nötige Erlaubnis herausgerückt und meine Nachfolgebriefe landeten auf dem Tisch des Kommandanten. Mit der Polizei wollte ich mich ungern anlegen, also liess ich dieses Dokument im „Giftschrank“ verschwinden. Schade.

Im Zuge des Medienrummels zum 100. Jahrestag waren viele Journalisten auf der Suche nach exklusiven Geschichten. Ich erzählte einem Journalisten aus der französischen Schweiz von der Geschichte, die sich ja in den Zeitungen von 1912 finden lässt, nur die Polizeiakte durfte ich nicht weitergeben. Doch vielleicht war ja inzwischen ein neuer Kommandant im Dienst, der es erlauben würde? Ich las in meinem stümperhaften Französisch dem Journalisten die Briefe der Polizei vor. Dann nochmals. Nach dem dritten Mal verstand der Journalist alles und klärte mich lachend auf, dass ich die Briefe damals komplett falsch verstanden hatte.

In den Briefen steht, dass ich die Karteikarte gerne unter Quellenangabe drucken darf. Da aber die Polizei keine anderen Unterlagen zu dem Fall besitzt, muss ich darauf hinweisen, dass die Informationen zu den begangen Straftaten und dem Ablauf rund um die Verhaftung nicht von der Polizei, sondern aus der zeitgenössischen Presse stammen. Somit habe ich das Dokument unnötig fast 20 Jahre lang „weggesperrt“, wegen meiner Fremdsprachschwäche. Et voilà, mes amis …

Bildquelle:
Kantonspolizei Neuenburg

(Ende)

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