Titanic-Verein Schweiz

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Artikel des Tages – Teil 5

24.03.2020

(Publiziert in der Titanic Post 44, Juni 2003)

Nomadic – Ein Schiff wird seinem Namen wieder gerecht

 

von Günter Bäbler

Das Ziel war nicht eindeutig bekannt, der Weg zum Ziel schon gar nicht. Das Schiff machte mich zum Nomaden für 24 Stunden. Obschon die Bilder für sich sprechen, möchte ich die Story hinter den Fotos nicht für mich behalten.

Am Abend des 31. März checkte ich meine Emails. Drei Tage schon lag eine Mail von Fabrice Vanhoutte ungelesen im Briefkasten. Der französische Autor eines bald erscheinenden Buches über die Nomadic informierte mich, dass am 1. April vor 8 Uhr morgens die Nomadic Paris verlassen würde. Es war 18 Uhr am 31. März 2003, also blieben 14 Stunden bis zur Abfahrt. Ich hatte frei am 1. April. Soll ich hinfahren? Ob wohl jemand so spontan sein würde um mitzukommen? Es stellte sich rasch raus, dass die Reisegruppe – wenn überhaupt – dann nur aus mir bestehen würde. Ich vertraute auf Fabrices E-Mail und darauf, dass sich ein Freund von ihm bei mir melden würde, wenn etwas nicht nach Plan verlaufen würde. Fabrice selber war unerreichbar in den Flitterwochen.

Weder die Swiss-Frühmaschine noch der Nachtzug machten es möglich, vor 8 Uhr mitten in Paris sein. Also musste ich noch am Abend hin. Um 18.35 Uhr konsultierte ich den Flugplan der Swiss, der letzte Flug sollte in genau 90 Minuten abheben. Ich setzte alles auf diese eine Karte und buchte um 18.46 Uhr meinen Flug. Ich war nicht Zuhause, darum bekniete ich am Telefon meine Nachbarin, mir meine Fotokamera an den Bahnhof zu bringen. Pünktlich um 19 Uhr übergab sie mir die Kamera und ich machte mich auf den Weg zum Flughafen, als Gepäck lediglich eine Papiertüte mit der Kamera, die Zeit reichte weder für Ersatzwäsche noch Zahnbürste.

Vor dem Abflug bequatschte ich dann noch die Sprachbox einer Freundin und bat sie, mir einige günstige Hotels im Internet zu suchen. Bei der Landung war die Dämmerung bereits über Paris eingebrochen, und so konnte ich trotz dem Fensterplatz und idealem Routing nicht erkennen, ob die Nomadic überhaupt noch auf der Seine lag. Nach der Landung piepsten sich die Hotelempfehlungen als SMS in mein Handy. Als ich mit dem Zug in die Stadt fuhr, organisierte ich mir ein Hotel, ohne Jacke war es doch zu frisch um draussen zu übernachten. In der Metro sah ich zu meiner Überraschung Werbeplakate für die Ausstellung „Trésors du Titanic“ in der „Cité des Sciences & de l’industrie“. Sollte also die Nomadic schon weg sein oder sich das Ganze als (unfreiwilliger) Aprilscherz entpuppen, dann würde ich wenigstens die Ausstellung besuchen können und der Ausflug war nicht ganz umsonst. Das heisst, die Ausstellung würde ich sowieso besuchen und notfalls einen späteren Flieger nach Zürich nehmen, aber so weit war ich ja noch lange nicht …

Nach der kurzen Nacht stellte ich mich um 6.20 Uhr unter die Dusche, damit ich um 7 Uhr an der Seine sein konnte. Weder Touristen noch Strassenhändler versperrten um diese Zeit die Treppen vor dem Palais de Chaillot. Ich raste die Stufen runter und durch den Jardin du Trocadéro. Als wollte ich ein Schiff vor seiner Abfahrt erwischen rannte ich bei Rot über die Avenue de New York. Die Nomadic war noch da!

Neben der Nomadic stand ein Grüppchen von knapp 10 Personen, keine morgendlichen Jogger. Es waren Titanicer aus Frankreich. Einige kannte ich und so wusste ich, dass an dem Tag wirklich etwas geschehen sollte. Gegen 8 Uhr begann ein Bugsierschlepper den 67 Meter langen Rumpf der Nomadic Flussaufwärts zu ziehen, nur ein paar Meter. Da die Besatzung an Bord des Schleppers und der Nomadic war, legten wir an Land Hand an beim Lösen der Leinen. Der Abstand zwischen der Quaimauer und dem Heck der Nomadic war nun so gross, dass der Schlepper sich hinter das Heck schieben konnte. Am Heck der Nomadic war vorgängig eine Hälfte eines Rohrsegmentes angeschweisst worden. Und genau in diese Halbröhre passte nun eine runde Vorrichtung am Schlepper. Mit Hilfe einer Winde zog nun der Schlepper zwei Trossen von der Nomadic straff, damit wurden die beiden Schiffe zu einer stabilen Einheit.

Um etwa 8.50 Uhr legte die Nomadic endgültig ab. Das Wasser zwischen dem Quai und ihrem Rumpf weitete sich an der Stelle, an der sie über 28 Jahre lag. Mir schien, als würde die Grösse der Nomadic erst jetzt wirklich ersichtlich. Sie wirkte grösser als ich dachte und doch musste ich an die 17-jährige Bernerin Bertha Lehmann denken, die mit diesem Schiff 1912 zur Titanic rausfuhr. Auf den Grössenunterschied zwischen den Schiffen angesprochen meinte sie, die Nomadic sei wie eine Stechmücke gewesen im Vergleich zur Titanic, die sie mit einem Rind verglich.

Die Nomadic beschleunigte rasch, es kostete mich die Puste eines ganzen Tages um die Fussgängerbrücke zu erreichen, bevor sie unter dieser durchfuhr, doch für das ungewöhnliche Foto lohnte sich die sportliche Einlage. Vor der Pont de l’Alma drehte sich das rund 80 Meter lange Gespann und nahm nach etwa 10 Minuten flussabwärts Kurs auf die Brücke auf der ich stand, unterquerte diese zum zweiten mal und passierte die Stelle, die für viele Titanicer in den letzten Jahren zur Pilgerstätte wurde.

Unglaublich welche Emotionen der schwimmende Schrotthaufen bei mir auslöste. 1962 wurde in Hamburg die Pelagos verschrottet, die als Athenic zwischen 1902 und 1927 für die White Star Line diente. Seit über 40 Jahren ist nun die Nomadic das letzte Schiff der White Star Line, das sich über Wasser hält. Jetzt fährt sie nach 28 Jahren wieder und ich durfte dabei sein. Als sie unter den Brücken hindurch aus meinem Blickfeld verschwand und Kurs auf Le Havre nahm, hoffte ich, dass der Name auf den sie 1911 getauft wurde ihre Vorbestimmung ist. Ich stellte ich mir vor, welche Freude der Rumpf nach all diesen Jahren gehabt haben muss, endlich wieder durchs Salzwasser zu fahren. Er würde sich sowohl aus Stolz wie auch wegen dem Auftrieb ein paar Zentimeter aus dem Wasser heben. Ich bildete mir gar ein zu spüren, dass ich das Schiff an einem anderen Ort in einer anderen Funktion wieder sehen würde.

Dabei ist die Zukunft alles andere als sicher, die Kollegen vom französischen Titanic-Verein waren an diesem Tag unisono pessimistisch. Das Schiff erreichte Le Havre am 4. April um 10.30 Uhr, und nun wird im Trockendock der tatsächliche Zustand des Schiffs ermittelt. Das französische Kulturministerium bezeichnete im April die Nomadic offiziell als „instance de classement“, eine Phase die maximal ein Jahr dauert. Diese Klassifizierungsphase wurde übrigens nicht zuletzt durch die Petition von Titanicern aus aller Welt erreicht – Danke Berthold & Co! Das Resultat des Verfahrens könnte sein, dass die Nomadic als historisches Monument klassifiziert und unter Schutz gestellt wird. Das andere, ebenso realistische Szenario – die Titanicer lesen es ungern – wäre die Verschrottung.

Dank:
Philippe Melia
Marlies Nussbaum
Brigitte Saar
Shanti Sandmeyer
Fabrice Vanhoutte

Zu den Bildern:

Nach langen Jahren der Unbeweglichkeit fährt die Nomadic endlich wieder, wie es sich für ein Schiff gehört, wenn auch nur mit Hilfe eines Schleppers. (Bä)

Am 1. April 2003 hiess es für die Nomadic “Leinen los!” (Bä)

Die Nomadic “fährt” wieder. (Bä)

Schwieriges Wendemanöver auf der Seine. (Bä)

Die Nomadic passiert ihren alten Liegeplatz an der Seine. (Bä)

(Ende)

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