Titanic-Verein Schweiz

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Artikel des Tages – Teil 4

23.03.2020

(Publiziert in der Titanic Post 41, September 2002)

Vier Südschweizern auf der Spur

von Gilles Baggi

Seit jeher interessiere ich mich für den Untergang der Titanic, aber nie hätte ich gedacht, dass dieses Interesse sich so konkret ausdrücken könnte wie in den letzten Monaten. Natürlich fiel mir im letzten Dezember ein, dass man dieses Jahr den 90. Jahrestag des Untergangs der Titanic begehen würde. So habe ich gedacht, ich könnte einen Artikel über diese Katastrophe schreiben, was ich übrigens einmal schon getan hatte. Aber ich wusste, ich konnte nur die immer gleichen, langweiligen Informationen über den berühmtesten Schiffbruch der Geschichte geben.

Ich dachte, dass es für die Bevölkerung des Tessins interessanter wäre, wenn ich von den beim Untergang der Titanic gestorbenen Personen erzählen würde, die aus der italienischen Schweiz kamen. Mir fiel ein, dass vier Südschweizer Kellner in der furchtbaren Nacht zwischen dem 14. und dem 15. April 1912 am Bord der Titanic waren. Viele Informationen über diese vier unglücklichen jungen Männer habe ich aus dem Internet erfahren. Bald merkte ich, dass es nur das Foto von einem dieser Kellner gab. So habe ich entschieden, die drei fehlenden Fotos ausfindig zu machen. Insbesondere wollte ich mehr von Abele Rigozzi wissen; ein Junge, der direkt aus meinem Tal, dem Bleniotal, kam.

Mein Vater kannte einen alten, weisen Mann, Meinrado Devittori, der in Aquila (Abele Rigozzis Herkunftsdorf) wohnt und der alles über jeden weiss. Auf jeden Fall war ich ziemlich überrascht, als ich von diesem Mann erfuhr, dass er der Gemeinde von Aquila vorgeschlagen hatte, einen Gedenkstein für Abele Rigozzi zu erstellen, weil es im Friedhof von Aquila nichts gab, das an Abele Rigozzi erinnerte. Aber die Gemeinde nahm diese lobenswerte Initiative nicht im Ernst und lehnte ab. Obwohl der alte Mann und ich sehr enttäuscht waren, gelang es uns zum Trost, ein Foto von Abele Rigozzi dank seiner Nachkommen zu erhalten.

Unterdessen hatte mein Vater einem Mitarbeiter des TSI (des Tessiner Fernsehens) von meinen Forschungen erzählt, und dieser Kollege hat uns, mir und dem alten Mann, vorgeschlagen, einen Dokumentarfilm über die vier unglücklichen Südschweizer zu realisieren. Am Anfang hatte ich gedacht, dass es zu wenige Informationen über diese vier Jungen gab, um einen Film drehen zu können. Nach und nach bemerkte ich trotzdem, dass neue Elemente über diese vier Kellner an den Tag kamen, so dass wir fähig wurden, diese Reportage zu bestreiten. Dank der Aussicht einen Dokumentarfilm zu drehen, ist es uns gelungen, die Gemeinde von Aquila zu überzeugen, diesen Grabstein zum Gedenken an Abele Rigozzi zu realisieren. Vom Website www.encyclopedia-titanica.org habe ich erfahren, dass der Tessiner Abele Rigozzi mit einem schwarzen Band am Arm von dem Schiff Mackay Bennett gefunden wurde. So haben wir, Meinrado Devittori und ich, entschieden, in diese Richtung zu forschen.

Auch über den Kellner Alessandro Pedrini, der beim Untergang starb, habe ich einige neue Auskünfte erhalten. Die Gemeinde von Osco, Pedrinis Herkunftsdorf, hatte erst 1995 sein Todeszeugnis bekommen! Vor sieben Jahren hat das Dorf Osco, sein Todeszeugnis bei der Stadtverwaltung von Mailand (wo Pedrini den grössten Teil des Jahres verbrachte) angefordert. Das Tessiner Dorf brauchte dieses Zeugnis, weil es eine Überschreibung Pedrinis Eigentum erledigen wollte.

Was den Kellner Narciso Bazzi betrifft, der aus dem Tessiner Dorf Brissago stammte, gab es leider keine neue wesentlichen Informationen. Wie in den meisten Fällen gab es auch hier niemanden mehr, der sich an diesen unglücklichen Emigranten erinnert.

Über den Bündner Kellner Mario Zanetti wusste ich nichts Besonderes. Aber in diesem Fall konnte ich beim Reisebüro, bei dem sich die meisten Emigranten des Poschiavo Tals meldeten, einige Forschungen durchführen.

Zum Schluss gab es genügend Material, damit ich die Möglichkeit hatte, meine Forschungen zu beginnen, und damit ein Dokumentarfilm gedreht werden konnte. Die erste Annäherung mit einer Fernsehkamera war ziemlich schwierig, weil ich gar nicht gewohnt war, gefilmt zu werden. Aber der Regisseur hatte eine unglaubliche Geduld und es ist ihm gelungen, mir bei meinen Forschungen zu folgen.

Das ganze Team wollte mit dem Geheimnis des schwarzen Bandes von Abele Rigozzi beginnen. So haben wir uns zum Rathaus von Aquila begeben, um etwas mehr darüber zu erfahren. Dank des Familienbuches von Aquila haben wir entdeckt, dass Rigozzi, beim Untergang die Trauer seines Vaterstodes mit sich trug; der Vater war nämlich im Februar 1912 in Aquila gestorben. Auch haben wir im Dorf einen anderen alten Mann, Ettore Giuliani, getroffen, der über den Tod von Rigozzis Vater etwas erzählen konnte. Er sagte uns, dass der Vater von Abele bei einem Stall ganz alleine „an einer Krankheit“ gestorben sei. So begab sich Abele Rigozzi in der Trauer nach Southampton. Der alte Meinrado Devittori erzählte uns auch, wie Abele seine Nichte Marianna am Rand einer Brücke in Gleichgewicht gehen liess! Und es scheint, Abeles Mutter sagte zornig zu ihm, dass er für dieses gefährliche Verhalten bestraft würde, wenn er mit solchen Spielen mit Wasser nicht aufhöre. Was für eine tragische Vorahnung! Der Kellner von Aquila starb beim Schiffbruch der Titanic. Eine andere Nichte von Abele Rigozzi, Elvezia Rodoni, die noch lebt, hat uns sogar erzählt, Abeles Mutter habe noch zwei weitere Söhne durch Ertrinken verloren.

Danach sind wir nach Brissago gefahren, einem wirklich zauberhaften Ausflugsort. Dort haben wir gar nichts über den Kellner Narciso Bazzi erfahren, weil niemand sich an ihn erinnert. Wir wussten aber, dass er auch wie Abele Rigozzi von der White Star Line kontaktiert wurde, um eine andere kranke Person zu ersetzen. Auf seiner Gedenktafel im Friedhof von Brissago steht geschrieben, man soll Narciso einen Gedanken und eine Blume schenken. So habe ich mich entschieden, vor seine Gedenktafel ein Vergissmeinnicht zu legen.

Dann sind das ganze Fernsehteam und ich nach Osco, einem in den Tessiner Bergen liegendes Dorf gefahren. Dort begaben wir uns zuerst zum Rathaus, um uns ausführlich erklären zu lassen, wann und wie die Gemeinde Pedrinis Todeszeugnis bekommen hatte. Wie ich es vorher erwähnte, brauchte die Gemeinde dieses Dokument, um die Überschreibung von Pedrinis Eigentum erfolgreich durchzuführen. Obwohl Pedrini in Osco geboren wurde und dort seine meisten Ferien verbrachte, war er in Mailand wohnhaft. Dort leitete er mit seiner Familie einen Eisladen. Als die Titanic sank und Pedrini starb, teilte man den Tod nur in Mailand mit. Somit war bis 1995 für Oscos Behörden Alessandro Pedrini theoretisch noch lebendig! Erst vor sieben Jahren hat die Gemeinde das Todesdatum Pedrinis neben seinen Namen schreiben können.

Nachher sind wir zum Oscos Friedhof gegangen, um den Gedenkstein von Pedrini zu filmen. Es handelt sich um einen wirklich ergreifenden Stein: er stellt ein gebrochenes Schiff namens Titanic dar; auf seinem Grossmast sind das Foto von Pedrini und sowie einige berührende Worte zu seinem Gedenken angebracht. Ich habe, wie ich es in Rigozzis Fall getan habe, diese Informationen rasch an die Website Encyclopedia Titanica geschickt!

Später haben wir uns nach Poschiavo begeben, um etwas Neues über den Bündner Kellner Mario Zanetti zu erfahren. In Campocologno, in der Nähe von Poschiavo, haben wir die Enkelin von Guglielmo Zanolari interviewt, der ein Reisebüro für Emigranten am Anfang des 20. Jahrundertes leitete. Er organisierte Reisen nach England, Amerika, Australien und so weiter. Seine Enkelin, Silvia Seiler, zeigte uns viele dieser Reiseverträge; es gab sogar zahlreiche Dokumente, die bestätigten, dass viele Emigranten auf die Olympic, dem Schwesternschiff der Titanic, gebucht wurden! Aber der Vertrag, der bewies, dass der Kellner Mario Zanetti nach England emigriert war, wurde leider unauffindbar. Schade! Wie die drei Tessiner ist auch Mario beim Untergang ertrunken und in Poschiavo gibt es niemanden, der seine tragische Geschichte erzählen könnte oder ein Foto von ihm hat. Alle Angehörigen sind entweder gestorben oder nach Argentinien emigriert. Ich wollte mich mit diesen Leuten aus Argentinien in Kontakt setzen, aber es stand keine nützliche Adresse zur Verfügung. In Poschiavo gibt es nur das Familienregister der Gemeinde, in dem das Datum und die Umstände Zanettis Tod geschrieben stehen.

Zum Ende der Reportage, am 30. März 2002, haben wir die Zeremonie zur Einweihung der Gedenkplatte für Abele Rigozzi gefilmt. Eine Nichte von Abele, Pierina Benvenga, enthüllte die Gedenktafel und küsste weinend sein Foto.

Die Reportage über die vier auf der Titanic verstorbenen Südschweizer Kellner wurde am 11. April 2002 vom Tessiner Fernsehen ausgestrahlt. Ich war sehr zufrieden, an diesem Dokumentarfilm mitgearbeitet zu haben. Es war eine tolle Gelegenheit. Aber am meisten bin ich froh darüber, dass ich dazu beigetragen habe, damit die Leute sich für die Ewigkeit an diese vier jungen, unglücklichen Emigranten erinnern werden.

Zu den Bildern:
Die Gedenktafel für Abele Rigozzi. (Baggi)
Der Friedhof in Aquila. (Baggi)

(Ende)

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