Titanic-Verein Schweiz

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Artikel des Tages – Teil 3

22.03.2020
(Publiziert in der Titanic Post 52, Juni 2005)

Die Spuren der mexikanischen Titanic

von Günter Bäbler

Zusammen mit Ken Marschall und Roberto Pirrone, der für seine Längsschnitt-Modelle der Titanic und Lusitania bekannt wurde (und soeben nach 16 Baujahren die Normandie fertig gestellt hat), fahre ich am Vortag des Titanic-Jahrestages von Los Angeles in Richtung Süden. Auf einem Parkplatz in der Nähe von San Diego treffen wir kurz eine Bekannte von Ken Marschall, auf Ellen Mower, denn unser Ausflug ist gleichzeitig auch ein Botengang. „Ach ja,“ meint er, „vielleicht erinnerst Du Dich an Ellen, sie war ein paar Mal im Titanic-Film zu sehen, am prominentesten im Bild als Leiche mit dem Baby im Arm, im Wasser treibend.“ Natürlich kannte ich die Szene, hätte aber an jenem warmen Frühjahrsmorgen auf dem Parkplatz garantiert nie und nimmer an diese Szene gedacht.

Wir fahren zu dritt weiter, über die mexikanische Grenze und verlassen nach rund 30 Kilometern die Autobahn. Auf einer Nebenstrasse geht es entlang von Geschäften die Gartenkunst und Möbel auf der Strasse anbieten weiter Richtung Süden. Auf der über dreistündigen Fahrt bis hierher brauchten wir keine Musik, aber jetzt kann es Ken nicht lassen und schiebt eine Kassette ins Autoradio. Die uns allen noch immer tief in den Ohren klebenden Klänge von James Horners Filmmusik der Auslaufszene in Southampton kündigte unsere Ankunft an einem historischen Ort an, den Fox Studios in Baja (gesprochen „Baha“, dem südlichen Ende Kaliforniens, das zu Mexiko gehört).

Das Gelände wird auf den ersten Blick dominiert von einem riesigen Segelschiff aus Holz, das auf einem Parkplatz steht. „Master and Commander“ tippt Ken zielsicher. Viel gigantischer aber unauffälliger ist der schwarze Baukran, der seit rund acht Jahren den Küstenstreifen überragt. Ohne den Giganten, der auf fast jedem Setfoto der Stage 1 von Titanic, aber nicht im Film zu sehen war, wäre die Titanic in Mexiko kaum auferstanden. Wie sein Gegenstück, der Schwimmkran in Belfast, überdauerte auch er das Schiff, in dessen Schatten er stets stand. Vorbei an „verdächtig vertrauten“ Parkbänken gelangen wir zum Büro von Charlie Arneson, dem Managing Director des Filmstudios. Im Empfangsraum stehen ein Sofa aus dem Rauchsalon sowie Korbstühle und ein Tischchen aus dem Verandah Cafe der Titanic. Der Teppich im Sitzungszimmer wurde von derselben Firma gefertigt, die damals auch Harland und Wolff belieferte. James Cameron missfiel dieser Teppich und er wurde ausgewechselt ohne zu Filmehren gekommen zu sein. Heute wissen wir, dass weder der eine noch der andere Teppich den Speisesaalboden der Titanic bedeckte, sondern Kunststoff-Fliesen. In jeder Ecke gibt es Anekdoten zu den Dreharbeiten, die Film-Titanic ist allgegenwärtig.

In einer riesigen Lagerhalle sind gerade zwei Arbeiter dabei, ein Engelhardt-Faltboot zu reparieren. Wir kommen wie gerufen, denn die Modellbauer haben Probleme mit dem Faltmechanismus. Wir versprechen ihnen, in den nächsten Tagen Fotos zu mailen. Diese Auffrischung ist nicht etwa für eine Fortsetzung des Titanic-Films notwendig, sondern weil das Boot eine Auffrischung braucht und man im Moment viel Zeit hat. Das Studio ist wie ausgestorben. Nicht etwa aus Mangel von Aufträgen, man wies gar einige grosse Produktionen ab. Vielmehr wartet man auf den nächsten Riesenauftrag von James Cameron, der wie kein anderer diese Studios prägte. Wenn er mit dem geplanten Film für ein ganzes Jahr nach Rosarito kommt, will man hier bereit sein, mit voller Kraft, ohne Verpflichtungen gegenüber Dritten.

Wir spazieren hinunter zum gigantischen Wasserbecken. Es erstreckt sich über eine Fläche von 26.924m2 und fasst 64.187 Kubikmeter Wasser. Eine Füllung dauert 47 Stunden, die Entleerung erfolgt in 28 Stunden. Und wenn wir schon am Rechnen sind: die halbe Stunde, die wir etwa im Becken stehen, hätte rund 200 Dollar Miete gekostet. Tauchanzüge, Laubsägen, Garderoben, Haarföhne, Schlauchboote etc können dazugemietet werden, dann wären es rund 625 Dollar die halbe Stunde. Aber das Becken ist leer und wir als winzige Statisten im Tank müssen weder bezahlen noch erhalten wir eine Gage, wir suchen einfach nur nach Anhaltspunkten, wo sie sich befand, die Film-Titanic. Ich gebe es ungern zu, aber das Gefühl, an jenem Ort zu sein, an dem die Titanic vor zehn Jahren auferstand, ist aufregender als ich dachte. Es erinnert mich an das Gefühl, das ich beim Besuch der „echten“ Titanic-Schauplätze spürte. Natürlich weiss ich, dass es sich in Rosarito damals wie heute um eine künstliche Welt handelt, die rational nichts mit der Titanic zu tun hat. Und dennoch, hier haben Menschen über 80 Jahre nach dem Untergang erkannt, was sich in der legendären Nacht abgespielt haben muss, und was nicht. Zum Beispiel konnte man die Problematik des Fierens eines Rettungsbootes mit einem Welin-Quadrant-Davit bis dahin nur erahnen, der Film brachte aber Gewissheit. In diesem Becken bestätigte oder widersprach sich so vieles, was die Geschichte der Titanic betrifft. Und so ist dieser Pool mehr als der Spielplatz eines besessenen Regisseurs, hier wurde tatsächlich ein weiteres Kapitel der Titanic-Geschichte geschrieben.

In einer Ecke des Geländes stossen wir auf die Davits, sowohl die doppelten wie auch die einseitigen. Die Schwenkarme ragen in die Höhe, ein kleiner Davit-Wald der uns daran erinnert, wie robust viele der Sets damals gebaut wurden. Dann besuchen wir die „Monkey Bar“, eine Lounge für Schauspieler mit Sprechrollen. Sie existiert seit dem Film „Master and Commander“, an den Wänden hängen Affenzeichnungen. Einige Sessel und Fensterrahmen kennen wir aus dem Titanic-Film, der Tischfussballkasten wird vom restlichen Raum durch die massiven Liftgitter der Olympic abgetrennt (die Schmiedeeisenarbeiten der Titanic-Lifte waren 1996 noch nicht bekannt).

In der grossen Produktionskantine stehen zahlreiche Tische und rund 130 Sessel des Speisesaales der 1. Klasse. Gut zu sehen sind die unterschiedlichen Schnitzarbeiten, rund die Hälfte sind so genannte „Hero Chairs“, die in Kameranähe standen, der Rest wurde weniger aufwändig gefertigt, aber allesamt taugen sie noch nach jahrelanger Nutzung durch Filmcrews als robuste und bequeme Sitzgelegenheit.

Dann begeben wir uns auf den öffentlich zugänglichen Teil des Geländes, einer touristischen Studiotour. In verschiedenen Hallen werden Filmtricks und einzelne Filme vorgestellt. Bei den Filmtricks sehen wir das zweitgrösste Titanic-Modell das je gebaut wurde, das 1:20 Modell (13.45m lang) mit der dazugehörigen Nomadic. Ausserdem sind Gussformen für die „Gipsschnitzereien“ ausgestellt. In der Titanic-Halle werden viele „Minisets“ gezeigt, Nischen der öffentlichen Räume, allerdings zum Teil willkürlich zusammengestellt. Es fällt auf, von welch dauerhafter Qualität diese Kulissen sind, nicht zu vergleichen mit den Nachbauten der Nachbauten, wie sie für die Movie-Tour in Deutschland und England verwendet wurden. Manche Sets kann man begehen, so auch die Kabine des Master at Arms, wer will kann selbst zur Gummiaxt greifen und seine/n Geliebte/n befreien. Eindrücklich ist der halbe Kesselraum, der durch einen riesigen Spiegel zu einem Ganzen wird.

Zum Glück gibt es im Souvenirshop nur wenig Titanisches und so kann der Laden mit nur kleinen Einnahmen von uns die Tore schliessen. Die vier Stunden sind im Flug vergangen. Wir verlassen das Filmgelände, das eigens für die Titanic entstand und locker die Grösse von Harland & Wolff zu den besten Tagen erreicht. Während der Rückfahrt beschliesse ich, nach über sechs Jahren den Film „Titanic“ bald wieder mal anzusehen, als mich Ken aus den Gedanken reisst: „Hast Du Charlie Arneson wiedererkannt?“ Wie sollte ich, ich traf ihn doch heute zum ersten Mal. „Nein, aus dem Film, Charlie spielte doch Murdoch in ‚Ghosts of the Abyss’.“

Zu den Bildern:

Links das 13 Meter tiefe„Tauchbecken“ in dem die Titanic versank, die Schienen im Vordergrund sind für den Kran. Bei der Auslaufszene befand sich hier das White Star Dock. Für alle anderen Szenen wurde das ganze Becken rund um den tiefen Bereich mit 1,20m Wasser geflutet. Rechts im Hintergrund der auf einem Parkplatz erhalten gebliebene und begehbare Dreimastsegler aus „Master and Commander“. (Bä)

Auf dieser Wippe, dem „Tank 3“, wurden die letzten Minuten der Titanic gefilmt. Die Stahltürme mit den Wassertanks werden für Szenen benutzt, wo Wasser nach unten stürzen muss. Die Halle im Hintergrund behaust ein weiteres gigantisches Becken, (grösser als ein Olympiabecken). In ihm wurde das Innere der Titanic nachgebaut und versenkt. (Bä)

Tischfussball auf der Titanic? Nicht ganz, die massiven Liftgitter sind Übrigbleibsel des Titanic-Sets in der Monkey-Bar. (Bä)

Roberto Pirrone und Ken Marschall spielen mit dem Film-Modell des Maschinenraums. (Bä)

Etwas unsortiert: eine Winde, der Reserveanker, das Heckteil und ein Poller. (Bä)

Von der richtigen Titanic wäre der Inhalt dieser Vitrine unbezahlbar. In Rosarito ist das Verschleissmaterial aus dem Film – die Gussformen dazu sind in anderen Vitrinen zu sehen. (Bä)

Die ist echt: Wenn sich Besucher nähern rennen dressierte Filmratten über den Flur. Ich war so überrascht und somit zu langsam um die ganze Rattenfamilie zu knipsen, nur Opa Ratte erwischte ich. Wegen anschliessender Fütterung blieb mir eine zweite Chance versagt. (Bä)

Eine Nische des Rauchsalons. (Bä)

Obschon die Titanic längst die Studios verlassen hat, wird hier an einem Engelhardt-Boot weiter gearbeitet, um da zu erhalten, was damals nicht entsorgt wurde. Im Hintergrund weitere Titanic-Trümmer. (Bä)

Dieses Filmset ist leider nicht begehbar, der Maschinenraum ist nur rund 60 cm hoch. (Bä)

Aus der Deckbank wurde eine Parkbank. Im Hintergrund die Halle mit den öffentlich zugänglichen Titanic-Kulissen. (Bä)

Auch der Captain’s Table wurde für den Film so stabil gebaut, dass er noch heute als Kantinentisch für Filmproduktionen benutzt werden kann. (Bä)

 

(Ende)

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