Titanic-Verein Schweiz

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Artikel des Tages – Teil 2

21.03.2020
(Publiziert in der Titanic Post 42, Dezember 2002)

Winifred Quick Van Tongerloo, 23. Januar 1904 – 4. Juli 2002

von Floyd Andrick

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Am 4. Juli 2002 verstarb Winifred Quick Van Tongerloo im Alter von 98½ Jahren. Sie war eine von nur noch vier Überlebenden der Titanic und die letzte, die aus eigener Erinnerung von der Katastrophe berichten konnte (die anderen drei Überlebenden waren damals zwischen 10 Wochen und 5½ Jahre alt, zu jung um sich an die Tragödie zu erinnern). Winifred war acht Jahre alt, als sie den Untergang der Titanic mit ihrer jüngeren Schwester und ihrer Mutter überlebte.

Winifred Quick kam am 23. Januar 1904 in Plymouth als Tochter von Fred und Jane Quick zur Welt. Mit der 2½-jährigen Schwester Phyllis und ihrer Mutter Jane ging Winfred am 10. April 1912 an Bord der Titanic. Der neue Luxusliner sollte die drei nach Amerika bringen, wo sie in Detroit den bereits emigrierten Fred Quick treffen sollten. Er arbeitete als Stuckarbeiter und wartete sehnsüchtig auf die Ankunft seiner Frau und Töchter aus England.

Natürlich – wir alle kennen die Ereignisse der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 – verlief die Reise anders als geplant. Winifred Quick war dort und erlebte die Ereignisse. Obschon sie erst 8 Jahre und vier Monate alt war, erinnerte sie sich gut an jene Nacht. Obwohl sie meistens abwehrte und diese Erinnerungen nicht teilen wollte, ganz selten reflektierte sie für einen doch die Ereignisse „jener Nacht“.

Im Juli 1984 traf ich zu meiner Freude zum ersten Mal Winifred Quick Van Tongerloo. Bei den vielen nachfolgenden Treffen erzählte sie ab und zu von der Titanic. Die meisten dieser Treffen fanden in East Lansing, Michigan statt, wo Winifred ab 1996 lebte. Manchmal, als sie Details jener Nacht erwähnte, stoppte sie plötzlich und sagte: „Oh … es ist schlicht zu grausam um darüber zu reden.“ Das war das Ende einer jeden Titanic-Diskussion – bis zum nächsten Besuch.

Mein erster Besuch bei ihr in Warren, Michigan, bleibt mir unvergessen. Wir kamen zu viert (Ken Marschall, George Behe und Ray Lepien) am frühen Nachmittag bei ihr an. Winifred sah bedeutend jünger aus als 80, als sie uns unter der Tür herzlich willkommen hiess. Sie stellte und ihren Gatten Alois vor, mit dem sie seit ihrem 19. Lebensjahr verheiratet war. Die beiden schienen sehr glücklich mit ihrer Ehe und ihren fünf Kindern (drei leben heute noch). Während unseres Besuches erzählte Mrs. Van Tongerloo ein wenig von ihren Erlebnissen auf der Titanic. Dann kramte sie die kleine White Star Line Flagge hervor, die sie damals während der Überfahrt in ihre Jackentasche steckte. Diese Flaggen wurden als Souvenirs an Kinder verteilt.

Winifred erzählte, dass sie, ihre Schwester Phyllis und ihre Mutter Jane in ihrer Kabine Zweiter Klasse schliefen, als die Titanic auf den Eisberg traf. Sie zogen sich bereits um etwa 21 Uhr zurück. Sie hörten oder spürten nichts von der Kollision. Wegen dem üblen Geruch der frischen Farben im Schiff liess die Mutter die Tür nachts immer einen Spalt weit offen, damit bessere Luft in die Kabine kam. Irgendwann nach dem Zusammenstoss klopfte eine Passagierin an die Tür und sagte, dass es einen Unfall gegeben hätte. Die Quicks sollten sich anziehen und an Deck gehen. Jane Quick glaubte nicht, dass es ernst sein würde, trotzdem stand sie auf und zog eine Bluse über das Nachthemd. Während Jane Winifred weckte, rief ein Steward in die Kabine: „Um Gottes Willen! Stehen sie auf. Hören sie auf sich anzuziehen. Schnallen sie sich die Rettungswesten um. Die haben einen Eisberg gerammt und das Schiff geht unter!“ Jane Quick nahm Phyllis auf einen Arm und hielt mit der andern Hand Winifred und so rannten sie zum Bootsdeck. Ein Mann band den Kindern Rettungswesten um und half der Mutter mit ihrer Weste. Der Mann half ihnen dann eine Stahlleiter nach oben, zu den wartenden Rettungsbooten. Sie wurden sofort in das Boot 11 geladen und schon befanden sie sich auf dem Weg nach unten. Winifred hatte Todesangst. Sie erinnerte sich, wie sie glaubte, sie müsse ins Wasser springen. Hysterisch schrie sie, bis das Boot auf dem Wasser angelangt war. Die Leinen wurden losgemacht und man ruderte aus Angst vor dem Sog der Titanic davon. Winfred beruhigte sich, sie betete und glaubte sich in Sicherheit. Sie hörte auf zu weinen.

Mrs. Van Tongerloo beschrieb einmal die Reflektion der Lichter der Titanic auf dem Wasser. Sie erinnerte sich, dass es sehr kalt war, als sie gebannt zuschauten, wie das Schiff langsam unter die Oberfläche schlüpfte. Auch erinnerte sie sich an den unbeschreiblichen Lärm, bevor das Schiff verschwand: „Wir waren etwa eine Meile entfernt, als die Lichter ausgingen gefolgt von diesem schrecklichen Lärm.“

Winifred erzählte, wie sich ihre Schwester, Mutter und sie selbst gegenseitig wärmten, während sie auf Rettung warteten. Eine Passagierin legte einen Teil ihres Mantels um Winifred um sie warm zu halten. Als die Carpathia kam wurden die Mädchen in Leinensäcken an Bord gehievt, ihre Mutter mit einem Stuhl. Da die Carpathia so überfüllt war schlief die Familie im Frachtraum. Winifred betonte: „Ich erinnere mich, dass wir von der Crew sehr gut verpflegt und umsorgt wurden.“

Als die Carpathia am Donnerstagabend, den 18. April 1912, in New York ankam wartete Fred Quick in der Menschenmasse. Er war äusserst besorgt, weil er unsicher war, ob seine Frau und Töchter überlebt hatten. Während er wartete verliessen Dutzende Überlebende die Carpathia. Beinahe hatte er die Hoffnung aufgegeben, doch dann erblickte er seine Frau und Kinder, die schon bald in den Armen des überglücklichen Ehemanns und Vaters lagen.

Bei einem anderen Besuch erwähnte Winifred, dass kurz nachdem die Familie in Detroit ankam, ihre Mutter mit der Story ihres Überlebens im National Theatre auftrat und regelrechte Varietévorstellungen gab: „Phyllis und ich marschierten auf die Bühne und unsere Mutter stellte uns dem Publikum vor. Dann erzählte sie wie wir überlebt hatten.“ Die Auftritte waren eine Zeit lang erfolgreich, doch Jane Quick wurde krank und zog sich aus dem „Business“ zurück.

Mrs. Van Tongerloo gestand auch, dass nur enge Freunde und die Familie wussten, dass sie mit ihrer Schwester und Mutter auf der Titanic war. Über die Jahre schliesslich erwähnten nur noch Wenige die Tragödie. Phyllis starb 44-jährig am 15. März 1954, ihre Mutter Jane 11 Jahre später 1965.

Winifred Quick Van Tongerloo genoss die Ruhe, bis das Thema Titanic in den 60er und 70er Jahren wieder grösseres Interesse hervorrief. Irgendwann kamen Menschen wie wir vier (die Namen hab ich vorher aufgeführt) und kontaktierten sie um etwas über ihre Erinnerungen zu erfahren. Nach unserem ersten Zusammentreffen wuchs eine lange Freundschaft heran, die bis zu Winifreds Tod vor kurzem anhielt.

In den 18 Jahren, die ich Mrs. Van Tongerloo kannte, sammelte ich viele kostbare Erinnerungen an Besuche bei ihr. Es war immer aufregend zu ihrem Appartement in East Lansing zu fahren, um einen Teil des Nachmittags bei ihr zu verbringen. Es bestand nämlich immer die Hoffnung, dass sie einige unerzählte Details zum Besten geben könnte, über ihre Tage auf dem grossen Schiff und auch über den Untergang. Und natürlich gab es Besuche, bei denen das Thema Titanic nicht erwähnt wurde.

Ray Lepien und ich besuchten Winifred auch immer am 23. Januar, an ihrem Geburtstag. Jedes Mal brachten wir Chocolate Chip Cookies, Schokoladen-Pralinen und so oft wie möglich Schokolade aus der Schweiz oder Deutschland. Sie war eine aufmerksame Gastgeberin und war immer interessiert zu hören, was wir erlebt hatten, wohin uns unsere Reisen führten usw. Als wir einmal über das Reisen sprachen meinte Winifred, dass sie noch nie geflogen sei und auch nie fliegen wollte. Auch fuhr sie nie wieder mit einem Schiff über einen Ozean. Einmal fuhr sie mit ihrem Mann Alois mit einer Nachtfähre über den Lake Michigan. Sie waren in ihrer Kabine und fast eingeschlafen als sie sich sicher war, den Ruf „Alle Mann an Deck!“ zu vernehmen. Für einen bangen Moment wähnte sie sich wieder auf der Titanic, realisierte aber bald, dass „dies zu einer anderen Zeit und einem anderen Ort war.“ Winifred und Alois reisten viel und gerne, sie besuchten 49 von 50 US-Staaten und sind viel in Kanada herumgereist, bevor Alois 1987 starb.

Nach dem Tod ihres Mannes verbrachte sie einen ruhigen Lebensabend in Warren. Sie war eine äusserst schüchterne Person und wollte keinesfalls, dass man wegen dem, was sie 1912 erlebte, Aufmerksamkeit auf sie lenkte. Nachdem sie eine Hüfte gebrochen hatte, zog sie in ein Pflegeheim in East Lansing, Michigan. Als der Filmhit „Titanic“ 1997 in die Kinos kam, versuchten Journalisten aus aller Welt sie zu interviewen. Sie gewährte kein einziges Interview und wünschte, in Ruhe gelassen zu werden. Ihr Enkel schaute nach ihr und verwirklichte ihren Wunsch nach Privatsphäre.

Der Anruf, der mich über den Hinschied von Mrs. Van Tongerloo informierte, war ein grosser Schock. Obschon sich Winifred die letzten Wochen nicht gut fühlte, schien die Situation nicht ernst. Wir haben alle gehofft, dass sie noch viele Jahre weiterleben würde, in der Lage mit uns mehr Geschichten und Erinnerungen zu teilen zu einem Thema, das uns alle fasziniert. Dieser persönliche Wunsch wurde nicht erfüllt, als Winifred am frühen Morgen des 4. Juli 2002 ruhig im Schlaf verstarb.

Am Abend des 8. Juli traf ich mich mit George Behe und Ray Lepien vor dem Bestattungshaus in Warren, Michigan, in dem der Leichnam von Winifred Van Tongerloo aufgebahrt war. Wir drei zögerten auf dem Parkplatz, bevor wir das Gebäude betraten. Wir fragten uns, ob wir wirklich bereit sind, „Good-bye“ zu sagen. In der Kapelle begrüsste uns Winifreds Tochter Janette. Sie war ganz aufgewühlt, dass wir diese Reise machten, um ihrer Mutter die letzte Ehre zu erweisen. Wir schwelgten in Erinnerungen, tauschten Erinnerungen und Geschichten unserer letzten Besuche aus. Janette versicherte uns, wie sehr ihre Mutter die Freundschaft zu uns genoss. Beispielsweise „genoss meine Mutter all die Schokolade, die jeder von Euch für sie mitbrachte.“

Langsam schritten wir drei zum geschlossenen, grauen Stahlsarg. Der Raum war von Blumen, darunter ein wunderschönes Arrangement von der Titanic Historical Society (THS). Auf einer Staffelei vor dem Sarg stand ein prächtiges Gemälde von Ken Marschall, das die Titanic in Cherbourg zeigte. Am einen Ende des Raumes gab es eine Collage über das Leben von Mrs. Van Tongerloo, die etwa zum Zeitpunkt begann, als sie in Amerika ankam. Ausser dem Titanic-Gemälde und dem Arrangement der THS gab es kaum Hinweise auf die Bekanntheit der Frau, der wir hier die letzte Ehre erweisen wollten. Sogar im Tod war Winifred bescheiden, wenige wussten, dass sie eine der allerletzten Titanic-Überlebenden war.

Wir waren nicht in der Lage, zu sprechen, und so teilten wir im Stillen unsere Gefühle für diese Lady, die für alle von uns so besonders war – wir werden sie sehr vermissen. Bevor wir die Kapelle verliessen machten wir alle eine Spende an die Burcham Hills Foundation, wo Mrs. Van Tongerloo sechs Jahre lang lebte. Mit gesenktem Kopf verabschiedeten wir uns und verliessen langsam das Gebäude und tauchten in die Sommerhitze ein. Wenig später fuhren wir alle in verschiedene Richtungen, jeder zu sich nach Hause. Mit dem schweren Herzen erschien mir die Fahrt zurück nach Midland besonders lang an diesem Abend.

Der Gedenkgottesdienst für Winifred wurde am 9. Juli 2002 um 10 Uhr in der St. Dorothy Kirche von Warren, Michigan abgehalten. Beigesetzt wurde sie anschliessend auf dem Mt. Olivet Friedhof in Detroit.

Nach dem Tod von Winifred Van Tongerloo leben nur noch drei Überlebende der Titanic: Lillian Asplund (95) in Massachusetts sowie Barbara West (91) und Millvina Dean (90) in England.

Zum Bild:
Winifred Van Tongerloo an ihrem 97. Geburtstag, am 23. Januar 2001. Es handelt sich um Floyds letztes Foto von ihr. Später wollte sie nicht mehr fotografiert werden. (Andrick)

(Ende)

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