Titanic-Verein Schweiz

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Artikel des Tages – Teil 1

20.03.2020
(Publiziert in der Titanic Post 59, März 2007)

Same procedure as every time

von Günter Bäbler

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Ein Wecker, der um 5 Uhr klingelt, bedeutet nicht zwingend unmenschliche Arbeitszeiten. Mehrmals jährlich geschieht dies mit einem besondern Ziel. Auch heute, am 16. Januar 2007 steht ein Besuch bei Millvina Dean und Bruno Nordmanis an. Das Gepäck besteht lediglich aus Laptop, britischen Pfund und E-Tickets für Flug und Busfahrt.

Bruno Nordmanis hütet seit einigen Wochen Millvina Deans Telefon, vorgestern erreichte ich ihn, auf heute haben wir uns verabredet. Gestern rief er mich noch einmal an und bestand darauf, mich auch dieses Mal in Southampton abzuholen. Mein erster Gedanke ist immer, dass er in seinem Alter doch gar nicht mehr fahren sollte. Trotzdem sage ich zu und biete ihm im Gegenzug an, das gesparte Taxigeld in ein Mittagessen und eine Flasche seines geliebten Famous Grouse Whiskey zu verwandeln.

Um 5.30 Uhr verlasse ich mein Zuhause, vor mir liegt ein 18-stündiger Trip. Mit Tram, Bus und Bahn geht’s zum Flughafen Zürich. Aus dem Check-In-Automaten ziehe ich meine Bordkarte und steuere auf den Duty Free Shop zu: Im Korb landen Lindt-Schokolade für Millvina und das gebrannte Wasser für Bruno. Der Swiss-Flug LX316 um 7.10 Uhr bringt mich nach London Heathrow, für einmal mit nur einer Warteschleife vor der Landung. Heute könnte das Unmögliche gelingen, wir landen um 7.55 Uhr Lokalzeit, 15 Minuten später fährt der frühe Reisebus von National Express nach Southampton. Noch nie habe ich den erwischt. Doch heute sind die Schlangen bei der Einreise so lang wie fast nie und als ich um 8.20 Uhr bei den Bussen bin, erfahre ich, dass dieser Bus – wie leider immer – auch heute pünktlich war. Also wie gewohnt 90 Minuten warten und dann um 9.50 Uhr auf in Richtung Südwesten. Ich fühle mich fast wie Bill Murray im Film „Und täglich grüsst das Murmeltier“. Immer dieselben Brücken, Kreisel und Dörfer. Es scheint als wäre ich erst gestern ins historische Städtchen Winchester gefahren. Bei der König Albert Statue hält der Bus seit Jahren auf jeder Fahrt, immer wieder nehme ich mir vor, endlich einmal hier auszusteigen. Winchester ist für mich über all die Jahre eine fremde Stadt geblieben, ich war dutzende Male hier und doch habe ich noch nie auch nur einen Fuss in die schöne Ortschaft gesetzt.

Bei der trostlosen Busstation von Southampton komme ich um 11.45 Uhr an, stehe im Regen. Nach drei Minuten kommt auch schon Bruno. Eine herzliche Umarmung im Auto und los geht’s. Brunos schwindendes Hörvermögen verwandelt jede Autofahrt in ein Abenteuer. Immerhin hört er die Hupe eines Lastwagens, dem er eben den Weg abschnitt. Dann versucht der Motor vergebens sich Gehör zu verschaffen. Wir fahren mit 65km/h auf der Überlandstrasse, im heulenden zweiten Gang. Beim Pub „The Gamekeeper“, halten wir an. Bis vor einem Jahr haben wir hier oft Mittag gegessen. Bei den letzten Besuchen konnte Millvina jedoch das Haus nicht mehr verlassen. Heute sind Bruno und ich alleine da, Millvina wird im Heim verpflegt. Bei Lamm und Fisch klagt Bruno über das englische Gesundheitswesen und erzählt, dass er seit Monaten auf eine Rückenoperation wartet. Dann fügt er verschmitzt an, dass er das Geld für eine vorgezogene Behandlung zwar hätte, aber dieses lieber spare. Aus aktuellem Anlass (ich habe mich vor ein paar Tagen vom letzten Weisheitszahn getrennt) tauschen wir Geschichten von Zahnarztbesuchen aus. Bruno erzählt mir, dass ihn vor einigen Jahren die ganze Belegschaft einer Praxis aufgeregt empfangen habe. Er sei wie ein König behandelt worden. Dann stellte sich heraus, dass nicht „Nordmanis“ erwartet wurde, sondern sich aufgrund eines Fehlers bei der Terminabsprache alle auf „Lord Manis“ vorbereitet haben …

Bruno ist über alle Jahre der Alte geblieben, der diskrete Gentlemen mit viel Humor, der sich jedes Mal nach all den jungen Frauen der Titanic-Szene erkundigt. Er versichert mir verschmitzt, dass, wenn er noch in meinem Alter wäre, dann würde er …

Nach einem kurzen Zwischenstopp bei Bruno zuhause besuchen wir Millvina im Pflegeheim. Das Taxi zurück nach Southampton ist bereits bestellt, es bleiben knapp zwei Stunden. Wir gehen in den ersten Stock, in dasselbe Zimmer, in dem Millvina schon vor ein paar Jahren zur Rehabilitierung war. Das Zimmer mit der typisch englischen Einrichtung ist nicht gross. Millvina sitzt auf dem Fauteuil mit Blumenmuster und schaut aus dem Fenster. Sie hat uns noch nicht erwartet, dabei wollte sie sich doch noch schminken. Wir versichern ihr, dass sie wie immer hervorragend aussehe, mir sind zudem Küsse ohne Lippenstift wesentlich lieber. Sie freut sich über den frühen Besuch, Bruno besucht sie meist erst gegen Abend im Heim. Sie kann nicht mehr gehen, ihre Mobilität mag sie nicht mit dem Rollstuhl zurückerobern, lieber sitzt sie den ganzen Tag im Sessel.

Das Personal des familiär geführten Pflegeheims kümmert sich rührend um Millvina. Sie schätzt vor allem die ausländischen Angestellten, die viel herzlicher seien als Engländer. Dariusz aus Polen hat es ihr besonders angetan – und umgekehrt ebenso. Er und alle anderen im Heim versuchen, ihr wieder ein paar Kilo auf die Rippen zu drücken. Als ich sie vor ein paar Monaten zum letzten Mal sah, konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie noch dünner wird, nun wiegt sie noch knapp 44 Kilo. Sie ist schwach, kann alleine nicht mehr aufstehen und muss darum in den nächsten Wochen zur Physiotherapie. Beim Essen ist sie sehr wählerisch, das Mittagessen schmeckte ihr auch heute nicht. Das danach extra liebevoll zubereitete Sandwich war ihr zu gross. Sie versteckte das Sandwich in ihrer Handtasche (klingt nach Bean, ist aber Dean) und bittet mich, es nachher ausser Haus zu schmuggeln. Es wäre ihr viel zu peinlich, es zurückzugeben.

Wir sprechen über gemeinsame Freunde und Antifreunde und tauschen viele Grüsse aus. Ich erfahre auch Tratsch und Klatsch aus dem Dorf und über ihre Cousinen. Dann kommen zu unserer Überraschung Frank und Wendy Dean in das Zimmer. Frank ist der Sohn von Millvinas Bruder Bertram Dean. Bruno wird es zu voll im kleinen Zimmer und er geht zu Millvina nach Hause, um das Telefon zu hüten. Millvina erzählt uns von ihren neuen Gewohnheiten, so verschmäht sie seit Wochen den Fernseher. Noch vor kurzem war ein Anruf während der Soap „Coronation Street“ eine Sünde, heute wundert sie sich, warum Bruno an vier Abenden die Woche „Corrie“ sehen muss. Sie liest inzwischen lieber romantische Romane, im Moment liegt „The Maltese Angel“ von Catherine Cookson neben dem Bett. Bis um etwa vier Uhr ist sie normalerweise (abgesehen vom Personal) alleine in ihrem Zimmer, dann kommt Bruno vorbei. Leider hat sie keinen Telefonanschluss in ihrem Zimmer, somit beschränkt sich ihr Kontakt mit der Aussenwelt auf die Post, die ihr Bruno täglich bringt.

Geistig ist sie wie immer topfit, erinnert sich an Menschen und Details früherer Treffen, nur ab und zu vergisst sie Dinge, die sich in den letzten Wochen und Monaten zugetragen haben. In zwei Wochen wird sie ihren 95. Geburtstag wohl im kleinen Kreis im Pflegeheim verbringen. Als ich sie für diese TiPo fotografieren möchte erinnert sie sich an die fehlende Schminke, worauf ich ihr versprechen muss, dass das Bild schwarzweiss gedruckt wird.

Die Zeit vergeht im Nu und schon teilt mir das Pflegepersonal mit, dass das Taxi warte. Beim Abschied meint Millvina, mein Besuch sei wieder viel zu kurz gewesen, trotzdem: „You made my day! No, you made my week, well, in fact you made my month.“ Habe ich eben noch gedacht, mein Aufwand für den Besuch stehe in keinem Verhältnis zu der Zeit mit Millvina, so zeigte sie mir klar, dass die Freude ihrerseits grösser ist als mein Aufwand. Die Botschaft ist eindeutig, sie wartet schon auf meinen nächsten Besuch bevor ich Tschüss sage. Wenn ich im Februar wieder hinfahre wird sie mir sagen: „I haven’t seen you for ages“.

Da ich noch ein Bild in einem maritimen Gasthaus abholen muss, erzähle ich dem Taxifahrer von meiner Leidenschaft für Ozeandampfer, ohne das T-Wort zu nennen. Er gibt mir sein Kärtchen und sagt: „Ruf mich an, wenn Du das nächste mal da bist, dann werde ich Dich mit einer Titanic-Überlebenden bekannt machen.“ Ich lache und sage ihm, bei wem ich eben war. Er hat nicht gewusst, dass Millvina im Moment nicht zuhause ist. Er schaut mich ungläubig an: „Dann musst Du Günter sein?“ Er kombinierte meine Herkunft mit den Geschichten, die unsere gemeinsame Freundin über mich erzählt hatte …

Dann fahre ich wieder zwei Stunden mit dem Bus in Richtung London Heathrow, komme kurz vor 18 Uhr an. Ich bin zwar auf den 19.45 Uhr Flug gebucht, doch wie jedes Mal klappt es auch heute: Am Ticketschalter ersuche ich freundlich um eine Umbuchung, das Boarding läuft bereits und ich hebe trotz der rigorosen Sicherheitskontrollen schon um 18.35 Uhr ab. So schaffe ich die Stafette, bestehend aus 12 Einzelstrecken, auch heute in nur 16,5 statt geplanten 18 Stunden. Und schon morgen werde ich mich nur noch an die drei Stunden mit Millvina und Bruno erinnern. Was alles sonst dazu gehört ist vergessen, bis ich mir bald wieder um 5 Uhr die Augen reibe und zu mir sage: „It‘s Millvina Day!“

(Ende)

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